Wenn alle auf dich warten, hast du ein Problem.

 „Ach, da die Chefin. Sie wissen doch bestimmt, wo der Zitronensaft steht.“

Ich muss zugeben: Diese Frage höre ich nicht zum ersten Mal.
Manchmal geht es um Zitronensaft. Manchmal um das Kunden-WLAN.
Oder darum, warum die Petersilie heute irgendwie anders aussieht als gestern.

Manchmal werde ich auch gefragt, welchen Kaffee man für eine bestimmte Maschine nehmen sollte, warum ein Artikel gerade nicht da ist oder wer für irgendeine Kleinigkeit zuständig ist.

Und hinter all diesen Fragen steckt oft dieselbe Annahme:
Die Chefin weiß das. Die Chefin muss das wissen. Schließlich ist sie die Chefin.

Und wenn man schon mal da ist, kann man ja auch direkt alles fragen.

Früher hätte mich das vermutlich nicht einmal irritiert.
Denn irgendwo tief in mir war diese Erwartung auch selbst ziemlich fest verankert:
Als Chefin musst du alles wissen. Du musst immer den Überblick haben. Du musst jede Antwort kennen. Du musst jederzeit ansprechbar sein. Und wenn irgendwo etwas nicht funktioniert, musst du es retten.

Natürlich. Wer denn sonst?

Das Problem ist nur: Irgendwann wird aus „Verantwortung übernehmen“ ein ziemlich anstrengender Versuch, für alles verantwortlich zu sein.

Und das sind zwei total unterschiedliche Dinge.

Es hat bei mir tatsächlich lange gedauert, da hinauszuwachsen.
Und ganz ehrlich? Das war verdammt schwer.

Denn wenn man gerne Verantwortung übernimmt, Dinge voranbringt und Lösungen sieht, ist es unglaublich verführerisch, einfach selbst schnell überall reinzuspringen.

„Ich mache das eben.“
„Ich kümmere mich darum.“
„Bevor hier etwas schiefgeht, rette ich das lieber schnell.“

Kommt dir vielleicht bekannt vor?
Das Problem: Jedes Mal, wenn ich alles rette, sende ich meinem Team auch eine Botschaft.

Vielleicht nicht bewusst.

Aber sie lautet: „Ich traue euch offenbar nicht zu, das selbst zu lösen.“

Und gleichzeitig lernt das Team: „Wenn es schwierig wird, kommt die Chefin schon.“

Nicht besonders hilfreich. Für niemanden. Also habe ich angefangen, an mir selbst zu arbeiten.

Nicht nur an meinem Team. Nicht nur an Prozessen. Nicht nur an Strukturen. An mir.

Daran, nicht sofort einzuspringen. Fragen weiterzugeben. Stille auszuhalten.
Nicht jede Entscheidung selbst zu treffen.
Und auch mal zuzusehen, wie jemand etwas anders macht, als ich es gemacht hätte.
Und – besonders schwierig – das Team auch mal in heiklen Situationen alleine zurecht kommen zu lassen.

Heute gelingt mir das meistens ziemlich gut. Wirklich.

Ich muss nicht mehr wissen, wo jeder Zitronensaft steht. Ich muss nicht jede Antwort selbst geben. Und ich muss auch nicht ständig im Lädchen sein, damit dort alles funktioniert.

Denn meine Aufgabe ist nicht, die menschliche Google-Suchmaschine meines Unternehmens zu sein. Meine Aufgabe ist es, ein Team aufzubauen, das kompetent und handlungsfähig ist.

Menschen zu entwickeln. Verantwortung klar zu verteilen. Die richtigen Informationen und Hilfsmittel bereitzustellen. Und einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen gute Entscheidungen treffen können.

Das ist für mich Chefsache. Nicht alles selbst zu können. Sondern dafür zu sorgen, dass nicht alles von mir abhängt.

Und jetzt kommt der ehrliche Teil: Ich bin damit nicht fertig.

Auch heute gibt es Situationen, in denen plötzlich meine innere Allesretterin aus der Ecke springt.

Dann denke ich:
„Ich muss das jetzt übernehmen.“
„Ich kann mein Team doch nicht im Stich lassen.“
„Das geht schneller, wenn ich es selbst mache.“
Und manchmal greife ich dann tatsächlich wieder nach allen acht Armen gleichzeitig. 🐙

Aber ich merke es inzwischen viel schneller.
Ich halte inne. Und frage mich: Ist das gerade wirklich meine Verantwortung?
Oder ist es nur mein altes Muster, das mir erzählt, dass ich alles retten muss?
Dann lasse ich los. Nicht immer elegant. Nicht immer sofort. Aber immer besser.

Vielleicht ist genau das für mich inzwischen die ehrlichste Definition von Führung:
Nicht alles zu wissen. Nicht alles zu können. Nicht alles zu kontrollieren.

Und auch nicht perfekt darin zu sein, loszulassen. Sondern immer wieder bewusst zu entscheiden: Was ist wirklich meine Aufgabe – und was darf ich anderen zutrauen?

Denn ein gutes Team entsteht nicht dadurch, dass die Chefin alles kann.
Sondern dadurch, dass nicht alles an der Chefin hängt.

Und falls du dich jetzt fragst:
„Aber weißt du denn inzwischen wenigstens, wo der Zitronensaft steht?“

Na klar.
Meistens.
Und wenn nicht?
Dann frage ich jemanden aus meinem großartigen Team.

Und die Welt dreht sich trotzdem weiter. 🐙

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Wenn der Chef nicht da ist – und trotzdem nicht alles egal sein sollte

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Du bist nicht dafür da, von jedem gemocht zu werden