Ich habe mal einen Satz gehört: „Am Ende kommt es nur darauf an, was dein Team tut, wenn du nicht da bist.“
Und ich dachte zuerst: Ja. Genau so ist es.
Wenn alles an dir hängt, wenn keine Entscheidung ohne dich getroffen werden kann, wenn dein Telefon schon vibriert, sobald du nur daran denkst, für zwei Tage wegzufahren – dann läuft vermutlich etwas schief.
Ein gutes Team muss auch ohne seine Führungskraft handlungsfähig sein.
Punkt.
Oder?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Ganz so einfach ist Führung dann doch nicht. Denn wenn ich nicht da bin und im Team läuft alles prima – wunderbar.
Wenn ich nicht da bin und jemand eine Entscheidung trifft, die ich vielleicht anders getroffen hätte – auch wunderbar. Vielleicht sogar besonders wunderbar. Denn Menschen lernen nicht dadurch, dass wir ihnen jeden Stein aus dem Weg räumen und anschließend überrascht feststellen, dass sie nie gelernt haben, selbst zu laufen.
Aber was ist, wenn es wirklich brennt? Wenn das Team mit dem was gerade passiert überfordert ist. Wenn eine Krise entsteht. Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, die niemand allein tragen sollte. Soll ich dann am Strand liegen, mein Handy auf Flugmodus stellen und denken:
„Das ist jetzt eure Chance zu wachsen.“ Ich finde: Nein.
Und damit wären wir mitten in dem Teil von Führung, der leider in keinen hübschen Instagram-Spruch passt.
Führung bedeutet nicht:
Ich bin weg, ihr macht mal.
Ich habe inzwischen gelernt, loszulassen.
Und das war für mich nicht immer einfach. Ich bin schließlich nicht als tiefenentspannter Oktopus auf die Welt gekommen, der seine acht Arme elegant anlegt und sagt: „Ach, wird schon.“ Eher im Gegenteil. Es gab Zeiten, da hatte ich das Gefühl, ich müsste alles gleichzeitig im Griff haben. Jede Entscheidung. Jedes Problem. Jede Stimmung. Jede Baustelle.
Und falls irgendwo etwas schieflief, war vermutlich irgendwo einer meiner Arme gefragt.
Das Problem daran?
Ein Oktopus mit acht Armen kann zwar eine Menge festhalten. Aber irgendwann merkt selbst der: Vielleicht muss ich nicht alles gleichzeitig umklammern.
Heute gelingt mir das Loslassen deutlich besser. Ich kann weg sein. Ich kann mein Team machen lassen. Ich muss nicht jede Entscheidung kennen und nicht alles kontrollieren.
Und ganz ehrlich: Das ist ein ziemlich gutes Gefühl.
Nicht nur für mich. Auch für das Team. Denn Menschen werden nicht stärker, wenn die Führungskraft immer danebensteht und im entscheidenden Moment sagt:
„Nein, nein, gib mal her.“
Sie werden stärker, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen. Wenn sie Entscheidungen treffen. Wenn sie auch mal danebenliegen dürfen. Wenn sie merken: Ich kann das.
Aber – und jetzt kommt das große Aber: Loslassen heißt nicht, gleichgültig zu werden.
Ich möchte mich nämlich auch nicht so weit entspannen, dass mir alles egal ist.
Wenn es meinem Team wirklich schlecht geht, dann will ich das wissen.
Wenn es drunter und drüber geht, will ich nicht demonstrativ verschwinden und sagen:
„Ihr seid doch alle erwachsen. Macht mal.“
Das wäre für mich keine moderne Führung. Das wäre im Zweifel einfach nur Abwesenheit. Und zwischen Verantwortung abgeben und Verantwortung abgeben, weil man keine Lust mehr hat, liegt ein ziemlich großer Unterschied.
Für mich ist die eigentliche Kunst deshalb nicht, immer loszulassen. Und auch nicht, immer einzugreifen. Sondern unterscheiden zu können:
Was müssen sie jetzt selbst lösen? Woran können sie wachsen? Wo ist es okay, dass es mal unbequem wird?
Und: Wann steht wirklich Feuer auf dem Dach und alle Mann – einschließlich der Chefin – gehören an Deck?
Denn auch ein gutes Team darf überfordert sein. Es darf Fehler machen. Es darf sich reiben. Es darf Entscheidungen treffen, die nicht perfekt sind.
Aber ein Team muss nicht jede Krise allein bewältigen, nur damit die Führungskraft hinterher stolz sagen kann: „Seht ihr? Sie können auch ohne mich.“
Das ist kein Führungstest. Zumindest nicht der einzige. Vielleicht ist das der eigentliche Test. Vielleicht zeigt sich gute Führung nicht daran, dass dein Team perfekt funktioniert, wenn du nicht da bist. Sondern daran, dass du mit einem ruhigen Gefühl weg kannst.
Weil du weißt: Sie können viel. Sie dürfen entscheiden. Sie wissen, was zu tun ist. Sie brauchen dich nicht für jede Kleinigkeit.
Aber sie wissen auch: Wenn es wirklich drauf ankommt, bist du da.
Nicht, um alles wieder an dich zu reißen.
Nicht, um ihnen zu zeigen, dass du es sowieso besser kannst. Sondern weil Führung manchmal eben bedeutet, mit anzupacken. Einen zusätzlichen Arm auszustrecken.
Den Überblick zurückzugewinnen. Oder einfach zu sagen: „Okay. Das ist gerade wirklich viel. Wir sortieren das jetzt gemeinsam.“
Und dann darfst du danach auch wieder loslassen.
Der Trick ist vermutlich nicht, immer ruhig zu bleiben. Ich glaube inzwischen, dass gute Führung nicht bedeutet, niemals dieses kleine Kribbeln im Magen zu haben.
Ich habe es durchaus noch.
Manchmal höre ich, dass im Team etwas nicht rund läuft, und sofort meldet sich irgendwo tief in mir der alte Oktopus:
„ALLE ARME RAUS! SOFORT! WIR RETTEN DAS!“
Heute höre ich ihm erstmal zu. Und dann frage ich mich: Brennt es wirklich?
Oder qualmt es nur ein bisschen?
Ist das gerade ein Problem, das mein Team lösen kann? Oder eines, bei dem es fahrlässig wäre, mich komplett herauszuhalten?
Diese Unterscheidung ist für mich einer der wichtigsten Teile von Führung geworden.
Nicht alles selbst machen. Nicht alles kontrollieren.
Aber auch nicht so tun, als wäre es besonders cool, sich für unersetzlich gehalten zu haben und dann plötzlich demonstrativ unerreichbar zu sein.
Ein Team wachsen zu lassen bedeutet auch, ihm etwas zuzumuten.
Aber zuzumuten ist nicht dasselbe wie allein zu lassen.
Und vielleicht ist das für mich inzwischen der bessere Satz über Führung:
Gute Führung zeigt sich nicht nur daran, was dein Team tut, wenn du nicht da bist. Sondern auch daran, ob dein Team weiß, dass es vieles ohne dich kann – und dass du trotzdem da bist, wenn es wirklich brennt.
Oder, um es mit dem Oktopus zu sagen:
Du musst nicht immer alle acht Arme überall drin haben. Aber wenn das Schiff untergeht, ist es vielleicht auch keine gute Idee, demonstrativ nur zwei Arme zum Sonnenbaden auszustrecken. Die Kunst ist zu wissen, wann du loslassen musst.
Wann du aushalten musst. Wann du deinem Team zutrauen solltest, die Sache selbst zu lösen.
Und wann du sagst:
„Okay, Leute. Das hier ist jetzt kein Spaß mehr. Ich bin wieder an Deck.“
Ich glaube, das ist für mich heute ein ziemlich gutes Verständnis von Führung.
Nicht Kontrolle. Nicht Gleichgültigkeit. Sondern Vertrauen mit einem funktionierenden Gespür für den Moment, in dem Vertrauen allein nicht mehr reicht.
Vielleicht ist das auch einfach eine Frage des Alters. Oder der Erfahrung. Oder ich bin inzwischen einfach ein etwas älterer Oktopus. Nicht mehr überall gleichzeitig. Aber immer noch ziemlich aufmerksam. Und wenn es sein muss?
Dann sind plötzlich wieder alle acht Arme im Einsatz.