Selbstständig ist, wenn ich ständig ich selbst sein kann.

Diesen Satz habe ich vor einiger Zeit gehört: „Selbstständig ist, wenn ich ständig ich selbst sein kann.“ – Danke Karin!

Seitdem knabbere ich daran herum.

Nicht, weil ich ihn schlecht finde. Im Gegenteil. Ich finde ihn ziemlich gut.

Vielleicht sogar ein bisschen zu gut.

Denn er hat bei mir eine Tür aufgemacht, hinter der ziemlich viele alte „So musst du das machen“-Zettel herumflattern.

Die These dahinter: In unseren Jobs spielen wir häufig eine Rolle. Wir sind Führungskraft. Unternehmerin. Chefin. Kauffrau. Expertin. Die, die weiß, wo es langgeht.

Und vielleicht sind wir dabei nicht immer wirklich wir selbst.

Ich glaube, da ist etwas dran. Bei mir auf jeden Fall.

Die Sache mit der guten Kauffrau.

Als ich angefangen habe, selbstständig zu sein, war meine Vorstellung von einer „guten Kauffrau“ ziemlich stark davon geprägt, was andere erfolgreiche Menschen so machten.

„Um eine gute Kauffrau zu sein, musst du …“

Und dann kam meistens eine ziemlich konkrete Anweisung.

Du musst konsequent sein.
Du musst Zahlen im Griff haben.
Du musst morgens früh da sein.
Du musst dich durchsetzen.
Du musst hart verhandeln.
Du musst immer den Überblick behalten.
Du musst deine Leute im Griff haben.
Du musst Entscheidungen treffen.
Du musst professionell auftreten.
Du musst …

Ich habe im Laufe der Jahre so viele unterschiedliche Varianten dieses Satzes gehört, dass ich irgendwann ziemlich verwirrt war.

Denn wenn all diese Menschen recht hatten, hätte ich ungefähr 37 Persönlichkeiten gleichzeitig gebraucht.

Also habe ich irgendwann meine eigene Version entwickelt.

Meine ganz persönliche: „Eine gute Kauffrau muss so sein, wie es zu dir passt – und trotzdem deinen Job gut machen.“

Das klingt heute ziemlich selbstverständlich. War es für mich aber lange nicht.

Der Oktopus und die acht Rollen.

Vielleicht ist genau das die Herausforderung an Selbstständigkeit:

Am Anfang übernimmt man ziemlich viele Rollen.

Man ist Chefin. Verhandlerin. Problemlöserin. Zahlenmensch. Motivatorin. Krisenmanagerin. Entscheiderin.

Und manchmal nebenbei noch IT-Support, Seelsorge und Feuerwehr.

Der Oktopus würde sagen: Kein Problem.

Acht Arme sind schließlich vorhanden. Aber irgendwann merkt man: Nur weil ich acht Arme habe, muss ich nicht mit allen gleichzeitig alles machen.

Und vor allem muss ich nicht für jede Situation einen anderen Arm anziehen, nur weil ich glaube, dass eine erfolgreiche Unternehmerin eben so sein muss.

Ich selbst sein ist erstaunlich anstrengend.

Heute bin ich viel näher bei mir als früher. Aber „bei sich sein“ ist kein Schalter, den man irgendwann umlegt und dann bleibt er für immer auf ON.

Es ist eher Training. Manchmal gelingt es mir ziemlich gut. Ich sage, was ich denke.

Ich treffe Entscheidungen, die zu mir passen. Ich muss nicht mehr jeden überzeugen.

Ich weiß eher, was meine Art von Führung ist. Und ich kann ziemlich gut damit leben, dass andere Menschen Dinge anders machen.

Und dann gibt es diese anderen Tage.

An denen plötzlich wieder diese alte Stimme auftaucht: „Eine richtige Unternehmerin würde jetzt …“ „Eine gute Chefin müsste eigentlich …“ „Das kannst du doch nicht machen …“ „Was werden die anderen denken?“

Ach ja.

Die anderen.

Diese erstaunlich große Berufsgruppe, die offenbar ständig irgendwo sitzt und darauf wartet, unsere Entscheidungen zu bewerten. Selbstbewusstsein reicht übrigens nicht

Ich glaube, um immer mehr man selbst sein zu können, braucht es mehr als Selbstbewusstsein. Es braucht Mut.

Denn wenn ich wirklich ich selbst bin, kann ich nicht mehr ganz so bequem damit rechnen, dass alle mich gut finden. Ich muss aushalten, dass jemand meine Art zu führen vielleicht komisch findet. Dass jemand meine Entscheidungen nicht versteht.

Dass jemand denkt: „Das würde ich ja ganz anders machen.“

Ja.

Würde ich vielleicht auch. Wenn ich du wäre. Bin ich aber nicht. Und genau darin liegt für mich ein großer Teil von Selbstständigkeit:

Nicht nur selbstständig arbeiten zu können, sondern zunehmend selbstbestimmt sein zu können.

Und dann sind da die richtigen Menschen

Was ich dabei unterschätzt habe: Wie wichtig die Menschen um mich herum sind.

Ich glaube nicht, dass „ständig ich selbst sein können“ bedeutet, alles alleine auszuhalten. Im Gegenteil. Es braucht Menschen, die an dich glauben. Menschen, die dich unterstützen. Menschen, bei denen du nicht deine Unternehmerinnen-Rolle spielen musst. Menschen, die dir auch mal sagen:

„Andrea, jetzt hör aber mal auf, alles retten zu wollen.“

Und manchmal braucht es Menschen, die einfach nur sagen: „Mach.“

Nicht, weil sie wissen, dass es funktionieren wird. Sondern weil sie wissen, dass du es herausfinden wirst.

Ich bin noch nicht fertig

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus diesem Satz:

Ich bin selbstständig. Aber ich bin noch nicht ständig ich selbst. Und vielleicht muss ich das auch gar nicht sein. Vielleicht geht es gar nicht darum, irgendwann den perfekten Zustand zu erreichen, in dem man zu hundert Prozent authentisch, souverän, mutig und entspannt durch sein Unternehmerinnenleben schwebt. Das wäre ohnehin verdächtig.

Ich glaube eher, es geht darum, immer schneller zu merken: Oh. Da spiele ich gerade wieder eine Rolle. Und dann kurz innezuhalten. Welcher Arm ist das gerade?

Die „Ich muss alles im Griff haben“-Kauffrau?
Die „Ich muss es allen recht machen“-Chefin?
Die „Ich muss das jetzt alleine lösen“-Unternehmerin?
Oder vielleicht einfach Andrea?

Und manchmal ist Andrea dann gar nicht so souverän.

Manchmal ist sie müde. Manchmal unsicher. Manchmal ziemlich mutig. Manchmal komplett überzeugt. Und manchmal sitzt sie da und denkt:

„Keine Ahnung. Ich probiere es einfach mal.“

Komischerweise sind genau das oft die besten Entscheidungen. Vielleicht bedeutet selbstständig sein für mich deshalb heute weniger:

Ich kann ständig ich selbst sein.

Und mehr:

Ich traue mich immer öfter, ich selbst zu sein. Mit allen acht Armen. Und gelegentlich auch mit einem Knoten drin. Denn auch ein Oktopus muss nicht jeden Arm perfekt im Griff haben.

Er muss nur wissen, wo sein Zentrum ist. Und genau daran arbeite ich noch.

Jeden Tag ein bisschen.

P.S.: Danke Karin ,Bureau K Vienna, für deinen unerschöpflichen Vorrat an Aussagen,
die mich immer inspirieren und zum Nachdenken bringen!!!

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