Zwischen krank und wieder stark.

Warum ich gerade noch nicht zurück ins Spiel gehe.

Ich bin müde.

Nicht nur ein bisschen müde. Sondern diese Art von müde, bei der der Körper irgendwann ziemlich deutlich sagt: Jetzt reicht's. Ich war krank. Und ich musste raus aus dem Hamsterrad.

„Gesundheit geht vor.“ Ja. Den Spruch kennen wir alle.

Wir sagen ihn schnell zu anderen. Wir nicken verständnisvoll, wenn jemand erzählt, dass er eine Pause braucht. Und natürlich würden wir niemandem raten, krank zur Arbeit zu gehen.

Aber wenn man selbstständig ist, bekommt dieser Satz plötzlich eine ganz andere Dimension. Denn mit der Krankheit kommt oft noch ein zweites Gefühl. Ein ziemlich unangenehmes.

Ist jetzt mein Unternehmen in Gefahr?

Als Selbstständige sind wir ja nicht einfach nur ein Rädchen im System. Zumindest fühlt es sich manchmal nicht so an. Eher wie König Artus, der von der Tafelrunde aufsteht, seine Ritter anschaut und sagt: „Also Leute, ich fühle mich heute nicht so gut. Macht ihr mal.“ Und dann geht er ins Bett. Klingt irgendwie absurd, oder?

Denn natürlich wissen wir rational, dass ein gutes Unternehmen nicht davon abhängen sollte, ob eine einzige Person jeden Tag funktioniert. Wir wissen, dass wir delegieren müssen. Verantwortung abgeben. Vertrauen haben.

Aber zwischen Wissen und Fühlen liegt manchmal ein ziemlich großer Graben.

Also gut. Krank ist krank.

Dann ist Erholung angesagt. Gesund werden. Schlafen. Nichts tun. Den Körper seinen Job machen lassen. Und irgendwann geht es besser.

Und genau da wird es fies.

Denn ich befinde mich gerade in dieser Zwischenphase.

Ich bin nicht mehr richtig krank. Aber ich bin auch noch nicht wieder richtig fit.

Ich liege nicht mehr flach. Ich kann wieder aufstehen. Ich kann ein bisschen arbeiten. Ich kann mich mit Dingen beschäftigen, die mir wichtig sind. Ich kann sogar schon wieder für mich alleine ein bisschen vor mich hinarbeiten.

Von außen betrachtet könnte man jetzt wahrscheinlich sagen:

„Na siehst du. Dann kann es ja wieder losgehen.“

Aber genau das ist der Punkt. Es kann noch nicht wieder losgehen. Zumindest nicht so, wie vorher. Denn jetzt sitzt dieser Druck im Hinterkopf.

Sollte ich nicht langsam wieder zurück ins Spiel? Meine Rolle auf dem Feld einnehmen?

Wieder da sein? Präsent sein? Stark sein? Optimistisch sein?

Und dann kommt noch etwas dazu, das ich gerade besonders anstrengend finde:

Die Vorstellung, wieder nach draußen zu gehen und allen bestätigen zu müssen, dass alles wieder gut ist. Dass ich wieder stark bin. Dass ich wieder voller Energie bin. Dass ich wieder optimistisch nach vorne schaue.

Und ganz ehrlich?
Allein diese Vorstellung fordert mich gerade mehr, als ich geben kann.

Ich habe Federn gelassen.

Und das darf man vielleicht auch einfach mal sagen. Nicht jede Krankheit endet damit, dass man morgens aufwacht, sich einmal streckt und denkt:

„So. Da bin ich wieder. Let's go!“ Manchmal ist man eben nicht sofort wieder da.

Manchmal braucht der Körper länger. Und manchmal braucht auch der Kopf länger.

Ich glaube inzwischen, dass genau diese Phase besonders schwer ist.

Krank zu sein ist eindeutig. Da gibt es kaum Diskussionen. Der Körper setzt Grenzen.

Man liegt im Bett. Man funktioniert nicht. Punkt.

Aber diese Zwischenphase ist diffus. Man kann wieder ein bisschen. Also könnte man doch auch wieder mehr. Oder?

Nein. Nicht unbedingt.

Nur weil ich wieder gehen kann, muss ich noch keinen Marathon laufen. Nur weil ich wieder ein paar Stunden konzentriert arbeiten kann, heißt das nicht, dass ich schon wieder bereit bin, die volle Verantwortung, die Erwartungen und die Energie von allen anderen mitzutragen. Und vielleicht ist genau das gerade meine wichtigste Aufgabe:

Nicht bei 80 Prozent wieder loszulaufen, nur weil ich es irgendwie könnte.

Ich glaube nämlich nicht, dass Stärke bedeutet, möglichst schnell wieder zu funktionieren. Vielleicht bedeutet Stärke manchmal, auszuhalten, dass man gerade noch nicht wieder funktioniert wie vorher. Sich selbst die Zeit zu geben, wieder aufrecht zu stehen. Bevor man losläuft.

Ich könnte jetzt gebückt wieder zurück ins Spiel gehen. Mit 80 Prozent. Vielleicht sogar mit 70. Ich könnte so tun, als wäre alles wieder normal. Ich könnte meine Rolle wieder einnehmen und hoffen, dass der Rest unterwegs zurückkommt.

Aber ich glaube, das wäre gerade nicht mutig. Das wäre nur vertraut. Denn weitermachen können wir Selbstständigen meistens ziemlich gut.

Durchhalten. Zähne zusammenbeißen. Noch schnell diese eine Sache erledigen.

Und dann noch die nächste. Wir sind Meisterinnen darin, weiterzugehen.

Aber vielleicht liegt die eigentliche Kunst manchmal darin, nicht sofort wieder loszugehen.

Ich möchte mich erst wieder vollständig aufrichten. Ich möchte wieder gerade stehen.

Ich möchte wieder Kraft in mir spüren, bevor ich sie wieder an andere verteile.

Und ja. Das fühlt sich nicht besonders gut an. Ehrlich gesagt fühlt es sich manchmal ziemlich beschissen an. Denn ich mag es, aktiv zu sein. Ich mag es, Ideen zu haben. Ich mag es, Dinge zu gestalten und voranzubringen.

 Ich mag meine Rolle auf dem Spielfeld.

Aber gerade sitze ich noch ein bisschen auf der Bank. Nicht, weil ich aufgegeben habe.

Nicht, weil ich nicht mehr mitspielen will. Sondern weil ich weiß, dass ein guter Wiedereinstieg etwas anderes ist als einfach nur wieder auf den Platz zu rennen.

Vielleicht ist diese Zwischenphase keine verlorene Zeit. Vielleicht passiert genau hier etwas Wichtiges. Vielleicht lerne ich gerade, dass ich nicht jedes Mal beweisen muss, dass ich stark bin. Dass ich nicht immer optimistisch aussehen muss. Dass ich niemandem meine vollständige Rückkehr bestätigen muss, bevor ich selbst sie überhaupt fühle. Vielleicht darf ich einfach sagen: Es geht mir besser. Aber ich bin noch nicht wieder ganz da. Und vielleicht reicht das.

Ich glaube, wir reden viel zu wenig über diese Zeit zwischen krank und gesund.

Zwischen Ausfall und Neustart. Zwischen „Ich kann nicht“ und „Ich kann wieder alles“.

Dabei ist genau dort wahrscheinlich der Punkt, an dem wir besonders gut auf uns aufpassen müssten. Denn der Druck kommt zurück, bevor die Kraft vollständig zurück ist. Und vielleicht dürfen wir lernen, diesen Druck nicht sofort für ein Startsignal zu halten.

Ich werde wieder zurück ins Spiel gehen. Natürlich werde ich das.

Aber nicht, um allen zu beweisen, dass ich wieder stark bin.

Sondern dann, wenn ich mich selbst wieder stark genug fühle. Bis dahin richte ich mich auf. Langsam. In meinem Tempo. Und ohne mich dafür entschuldigen zu müssen.

Denn manchmal ist der mutigste Schritt nach vorne eben noch gar kein Schritt.

Manchmal ist es einfach nur der Moment, in dem du zu dir sagst:
Ich bin noch nicht fertig mit dem Gesundwerden.

Und das ist völlig in Ordnung.

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Selbstständig ist, wenn ich ständig ich selbst sein kann.