Als ich nicht mehr die Chefin war.

Es gibt diese Momente im Supermarkt, da fühlt sich die Marktleitung plötzlich nicht mehr wie der Kapitän des Schiffes an, sondern eher wie die Badeente im Strudel.

Vor einiger Zeit hatte ich eine Führungskraft im Coaching. Fachlich stark, menschlich engagiert, fleißig bis in die Haarspitzen. Sein Problem? Nicht die Kunden. Nicht die Umsätze. Nicht einmal der Einsatzplan und das ist in diesen Zeiten selten.

Sein Problem waren zwei Mitarbeiterinnen.

Die beiden konnten sich gegenseitig ungefähr so gut leiden wie ein Einkaufswagen mit blockiertem Rad und ein hektischer Samstagvormittag. Statt ihre Konflikte direkt zu klären, landete alles auf dem Schreibtisch des Chefs.

Und irgendwann passierte etwas, das viele Führungskräfte kennen:

„Wenn meine Wünsche nicht erfüllt werden, dann muss ich kündigen.“

Autsch.

Der Satz traf die Führungskraft mitten ins Herz. Schließlich herrscht Personalmangel. Gute Leute sind schwer zu finden. Die Angst vor einer Kündigung sitzt tief.

Also wurde nachgegeben. Dann noch einmal. Und noch einmal.

Bis die Mitarbeiterinnen verstanden hatten: Mit genug Druck lässt sich der Chef bewegen. Der Moment, in dem die Rollen verrutschen.

Im Supermarkt gibt es eine einfache Regel: Der Einkaufswagen schiebt nicht den Kunden.

Trotzdem passiert genau das in manchen Teams.

Mitarbeitende beginnen, Entscheidungen über Druck, Drohungen oder emotionale Erpressung durchzusetzen. Die Führungskraft reagiert nur noch statt zu führen.

Dann wird aus Führung Feuerwehr. Und aus Klarheit Chaos.

Das Problem dabei ist nicht die Kündigungsdrohung. Das Problem ist die Botschaft, die durch das Nachgeben entsteht: „Mit Druck komme ich schneller ans Ziel als mit einem Gespräch.“

Das spricht sich im Team schneller herum als ein Sonderangebot für Nutella.

Warum Führungskräfte einknicken

Die meisten Führungskräfte lassen sich nicht manipulieren, weil sie schwach sind.

Sie lassen sich manipulieren, weil sie Verantwortung übernehmen wollen.

Sie wollen niemanden verlieren.
Sie wollen Konflikte vermeiden.
Sie wollen fair sein.

Genau diese Stärken werden manchmal gegen sie verwendet.

Besonders in Zeiten von Personalmangel entsteht schnell der Gedanke:

„Lieber nachgeben als jemanden verlieren.“

Doch langfristig zahlt man oft einen viel höheren Preis.

Denn während man versucht, eine Person zu halten, verliert man Stück für Stück seine Führungsautorität.

Wie man dem Druck standhält

1. Kündigungsdrohungen nicht dramatisieren

Wenn jemand sagt: „Dann kündige ich eben.“
muss die Antwort nicht sein: „Bitte nicht! Was kann ich tun?“
Sondern: „Das ist natürlich deine Entscheidung. Lass uns trotzdem sachlich auf die Situation schauen.“ Ruhig. Freundlich. Klar.
Keine Panik. Keine Verhandlungen unter Druck.

2. Nicht auf dem emotionalen Spielfeld spielen

Manipulation funktioniert fast immer über Emotionen.
Führung funktioniert über Klarheit.
Fragt deshalb: Worum geht es konkret? Welche Lösung schlägst du vor? Welche Auswirkungen hätte das auf das Team?
Plötzlich wird aus Drama wieder ein Gespräch.

3. Das Team vor Einzelinteressen stellen

Die wichtigste Frage lautet nicht: „Wie halte ich diese Mitarbeiterin?“
Sondern: „Was ist für das gesamte Team sinnvoll?“
Führung bedeutet manchmal, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
Nicht jede Entscheidung wird Applaus bekommen.
Aber Führung ist kein Beliebtheitswettbewerb.

4. Konflikte zurückgeben

Viele Führungskräfte sammeln Konflikte wie andere Leute Treuepunkte. Dabei gehören viele Probleme den Beteiligten selbst. Wenn zwei Mitarbeiterinnen ständig aneinandergeraten, darf die Führungskraft moderieren. Sie darf das Problem aber nicht dauerhaft besitzen. Die wichtigste Erkenntnis Mitarbeitende dürfen Wünsche äußern. Mitarbeitende dürfen Kritik äußern. Mitarbeitende dürfen sogar kündigen. Was sie nicht dürfen, ist Führung übernehmen, indem sie Druck machen.

Und Führungskräfte müssen lernen, genau diesen Unterschied zu erkennen.

Denn wer aus Angst vor einer Kündigung jede Forderung erfüllt, verliert am Ende oft genau das, was ein Team am meisten braucht: Orientierung.

Mein Oktopus Impuls:

Im Supermarkt braucht es viele Dinge:

Volle Regale.
Saubere Abläufe.
Freundliche Mitarbeitende.

Vor allem aber braucht es Führungskräfte, die auch dann ruhig bleiben, wenn jemand die Kündigungskarte auf den Tisch legt.

Denn Führung zeigt sich nicht dann, wenn alle zufrieden sind.

Führung zeigt sich in dem Moment, in dem jemand Druck macht – und man trotzdem bei seinen Werten, seinen Regeln und seiner Verantwortung bleibt.

Oder anders gesagt:

Wer jeden Einkaufswagen schiebt, wird irgendwann selbst durch den Markt gefahren.

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Ruhe - die unterschätzte Führungspower